Bürgermeister Manfred Nerlinger: Gedanken zum Volkstrauertag 2020

Anlässlich des Volkstrauertags 2020 gedachte die Gemeinde Wehringen der Opfer von Krieg, Gewalt und Vertreibung. Dazu die Rede von Bürgermeister Manfred Nerlinger:

 

Gedanken zum Volkstrauertag 2020

Sehr geehrter Herr Pfarrer Hubert Ratzinger,

sehr geehrter Herr Ehrenbürger Ulrich Egger,

sehr geehrte Damen und Herren des Gemeinderates,

verehrte Anwesende, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

der Volkstrauertag 2020 in Deutschland steht wie so vieles im Schatten der Corona-Pandemie. Im Hinblick auf die strengen Regeln der Infektionsbekämpfung muss die heutige Feier ohne unsere Blaskapelle und die aktiven Feuerwehrleute stattfinden.

Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen hat die Gemeinde Wehringen daran festgehalten eine würdige Veranstaltung zum Volkstrauertag zu begehen, zumal sich dieses Jahr das Ende des zweiten Weltkrieges zum 75. Mal jährt.

Zu wichtig ist uns dieser Gedenktag in einer Zeit, die geprägt ist von einer aufgewühlten Welt, von gespaltenen Nationen und Gesellschaften. Eine Welt, die in Teilen jeglichen Respekt vor dem Anderen und der Meinung des Anderen vermissen lässt. Eine Welt, in der zunehmend der Hass auf Andersdenkende Einzug hält. Gut zu beobachten beim kürzlichen Wahlkampf in den USA.

Im Gegensatz dazu steht der Volkstrauertag für Frieden und Versöhnung.

Meine Damen und Herren,

75 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ins Land gegangen. Die Welt und unsere Lebenswirklichkeit haben sich stark verändert. Meine Generation und die Generation der heutigen Jugend, werden die letzten sein, welche mit Zeitzeugen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges reden können. Diese waren damals in ihrer Jugend, heute sind sie über achtzig oder gar neunzig Jahre alt. Die darauffolgenden Generationen haben den Krieg nicht mehr miterlebt. Sie können sich nur schwer vorstellen, wie es ist, wenn über einem die feindlichen Flieger dröhnen, wenn Bomben fallen, Menschen schreien und man um sein Leben und das seiner Angehörigen bangt.

Ich denke, keine Schilderung vermag diese Angst und dieses Leid so nachvollziehbar zu machen, dass es dem wahren Erleben entspricht.

Allein in Wehringen haben im 1. Weltkrieg 27 Soldaten im Alter zwischen 19 und 35 Jahren ihr Leben gelassen. Im 2. Weltkrieg waren es 45 junge Männer, die nicht aus dem Inferno des Krieges zurückkehrten. Erst im Frühjahr dieses Jahres wurden die sterblichen Überreste eines vermissten Wehringer Soldaten nach 75 Jahren gefunden. Er fiel in den letzten Kriegstagen im April 1945 vor den Toren Berlins. Er hat mittlerweile seine letzte Ruhestätte auf dem Wehringer Friedhof gefunden.

In diesem Zusammenhang möchte ich es nicht versäumen, dem Ehrenvorsitzenden des Soldaten-, Veteranen- und Reservistenvereins Wehringen, Franz-Xaver Leimer meinen Dank und Anerkennung für seine beeindruckende Chronik der Wehringer Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg auszusprechen.

Meine Damen und Herren,

75 Jahre nach Kriegsende stellt sich natürlich die Frage, wie soll man um Menschen trauern, die man gar nicht kannte, zu denen man keinen persönlichen Bezug hat?

Ergreift uns und die folgenden Generationen das Leid und die Grausamkeit des Krieges noch ausreichend, um überzeugt Arbeit für den Frieden leisten zu können? Das funktioniert sicher nur, wenn wir uns eines bewahren:

Auch wenn keine direkten Verbindungen zu den Opfern mehr bestehen, so müssen uns doch der Krieg und seine Folgen weiterhin emotional bewegen. Doch wie ist dies zu schaffen, wenn es bald keine Zeitzeugen mehr gibt?

Meine Damen und Herren, das Wichtigste, das wir uns erhalten müssen ist die Erinnerung an die Einzelschicksale.

Einzelschicksale hat es auch bei uns in Wehringen genügend gegeben. Neben den gefallenen Soldaten denke ich vor allem die 15 Toten des völlig sinnlosen Fliegerangriffs auf unser Dorf am 16.03.1944. An diesem Wintertag mit mehr als 30 cm Schnee erlebte die Gemeinde Wehringen, den vielleicht schwärzesten Tag in ihrer mehr als 1000-jährigen Geschichte.

In unserer Ortschronik ist nachzulesen, wie der verstorbene Zeitzeuge Ulrich Egger sen. den Fliegerangriff der Alliierten mit seinen eigenen Worten beschrieb.

»Ich war zu Hause. Flieger kamen in Scharen von Südwesten. Ich stand im Hof und hörte das Rauschen. Sofort rief ich den Buben zu, sie sollten sofort in den Keller flüchten. Kaum waren wir unten, krachte es schon. Alles zitterte und bebte, Knall auf Knall.

Meinen Vater, der todkrank im Bett lag, hatte ich auf meinen Rücken genommen und in den Keller gebracht. Er jammerte vor Schmerz. Als es draußen ruhig war, schaute ich aus dem Kellerfenster. Menschen und Tiere begannen zu schreien und zu brüllen. Als ich aus dem Keller kam, erfuhr ich, dass K. Vogt tödlich getroffen wurde, als er gerade die Fensterläden zumachen wollte.

In unserem Garten lagen eine Reihe Blindgänger, doch weder Menschen noch Vieh kamen zu Schaden «.

Ulrich Egger erfuhr natürlich nach und nach vom vollen Ausmaß des Angriffes und von den Opfern. Dazu waren 60 bis 70 % der Häuser zum Teil schwer beschädigt. Besonders berührt hat ihn aber der Vorfall beim unteren Schäffler. Dort wollte die Schwiegertochter noch schnell die Haustüre zumachen. Sie hatte ein kleines Kind auf dem Arm, in eine Wolldecke eingewickelt. Von einem Bombensplitter wurde das Kleine leicht am Zehen gestreift, doch die Mutter und ihr Schwiegervater wurden schwer in der Magengegend getroffen und aufgerissen. Nach qualvollen Stunden starben sie.

Meine Damen und Herren,

für uns ist der Friede selbstverständlich. Wir sind in einem Land aufgewachsen, das in Frieden mit seinen Nachbarn lebt; wir sind in einem immer mehr zusammenwachsenden Europa groß geworden. Doch dass es diese Annäherung und diese lange Friedensphase gab, das ist eigentlich ein kleines Wunder.

Es ist ein Geschenk, in friedlichen Zeiten zu leben. Ein Geschenk freilich, das einem nicht in den Schoß fällt, sondern für das man etwas tun muss. Um Frieden zu bekommen und ihn zu erhalten, muss man handeln, muss man auch Anstrengungen auf sich nehmen.

Frieden zu stiften ist oftmals schwerer, als einen Krieg anzuzetteln. Hass lässt sich leicht schüren, Vertrauen aufzubauen dauert lange. Brücken zu bauen, die Zivilgesellschaft zu stärken, den Waffenhandel einzudämmen, das ist mühsamer und langwieriger, als Truppen zu entsenden oder loszuschlagen. Genau deshalb ist der Friede die eigentliche Bewährungsprobe.

Denn Krieg ist auch nach 1945 ein Normalfall geblieben. Und in all den Kriegen, die seitdem geführt wurden, sind mehr Menschen umgekommen als im Zweiten Weltkrieg.

Deshalb gedenken wir heute, am Volkstrauertag, auch den Opfern gegenwärtiger Kriege oder diktatorischer Regime.

Der Volkstrauertag hält das Bewusstsein für die Bedeutung des Friedens lebendig. Mit seiner Erinnerung an die vielen Opfer, mit seinem stillen Gedenken, seiner Trauer bringt er Menschen zusammen, auch über Grenzen hinweg. Und mit seiner Erinnerung an vergangenes Leid sensibilisiert er dafür, dass wir uns immer von Neuem für Frieden und Freiheit sowie die Wahrung der Menschenrechte einsetzen müssen. Es bleibt unsere Aufgabe, die Erinnerung lebendig zu halten.

Verehrte Anwesende, wir wollen heute unsere Toten ehren:

Wir gedenken heute der Opfer von Krieg und Gewalt:

Der Soldaten, die in den beiden Weltkriegen gefallen, Ihren Verwundungen erlegen, in Gefangenschaft gestorben oder seither vermisst sind,

der Männer, Frauen und Kinder aller Völker, die durch Kriegshandlungen ihr Leben lassen mussten.

Wir gedenken

Der Männer, Frauen und Kinder, die in der Folge des Krieges auf der Flucht oder bei der Vertreibung aus der Heimat und im Zuge der Teilung Deutschlands und Europas ihr Leben verloren.

Wir gedenken

Der Bundeswehrsoldaten, die in Ausübung ihres Dienstes ihr Leben ließen.

Wir trauern

Um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,

um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung,

um die Opfer sinnloser Gewalt, die bei uns Schutz suchten.

Wir trauern

Mit den Müttern und mit allen, die Leid tragen, um die Toten.

Doch unser Leben gilt der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern und auf Frieden in der Welt.

Als Zeichen unseres Gedenkens und unserer Trauer um die Toten der Kriege an der Front und in der Heimat, aber auch als Ausdruck unserer Verbundenheit mit den noch lebenden Angehörigen legt die Gemeinde ein Kranzgebinde am Ehrenmal nieder.

Nur wer vergessen wird ist tot.

Wir vergessen euch nicht.

Gott schenke allen den ewigen Frieden.

 

Auch die Sudetendeutsche Landsmannschaft möchte mit einem Kranzgebinde der Toten in der alten Heimat und den Opfern der Vertreibung in Trauer gedenken.

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft Ortgruppe Wehringen konnte heuer ihr siebzigjähriges Bestehen feiern. Der Anfang vor 70 Jahren war sicherlich nicht einfach und der Verlust der geliebten Heimat noch sehr frisch, als sich die Sudetendeutschen in Wehringen entschlossen, ihre Landsmannschaft zu gründen. Hinter Ihnen lag das Trauma der Vertreibung aus der geliebten Heimat mit all seinen Grausamkeiten. Erschwerend kam hinzu, dass auch die einheimische Bevölkerung furchtbar unter dem Krieg, seinen Folgen und der Naziherrschaft gelitten hat.

Unter diesen Umständen war die Aufnahme von 355 Flüchtlingen in einem kleinen Dorf ganz gewiss eine große Herausforderung für beide Seiten. Aber die Sudetendeutschen haben sich von Beginn an im Ort engagiert und sich hervorragend integriert. Sie haben viel mitgebracht und unser Leben auf vielfältige Weise bereichert. Mit ihrem Willen und Ideenreichtum haben sie letztlich auch zum Wiederaufbau unseres Landes beigetragen.

Meine Damen und Herren, 

es bleibt die Aufgabe unserer Generation, die Erinnerung lebendig zu halten. Denn wie lautet ein Sprichwort:

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“.

Ich sage vielen herzlichen Dank bei allen, die an diesem Gedenktag teilgenommen haben. Dies gilt in besonderer Weise den Vereinen mit ihren Fahnen, der Freiwilligen Feuerwehr, den Bundeswehrsoldaten, den Ministranten und Herrn Pfarrer Hubert Ratzinger, der ein Gebet gesprochen hat. Ich bedanke mich bei Herrn Wolfgang Schuster, dem Vorsitzenden des Soldaten-, Veteranen- und Reservistenvereins Wehringen für die Rede und die Niederlegung des Kranzes. Vielen Dank, ihnen meine Damen und Herren des Gemeinderates, und ihnen liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie alle haben durch ihre Teilnahme dazu beigetragen, eine würdige Gedenkfeier zu gestalten.

 

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